Die Kunst des (nicht) kandidierens.

Ich habe mir in den letzten Tagen viele Gedanken zu den Neuwahlen gemacht, aber wer hat das nicht getan. Ich habe gerade wieder mein Leben geplant, neue Ideen gehabt, was ich als Nächstes machen kann und schon kommt dieser Hammer.
Es gab direkt eine Option mehr in meinem Lebensplan, die ich mir eigentlich erst mal abgeschminkt hatte. Hätte ja auch nochwas gedauert. Aber jetzt Landtag? No way! Ich hab doch schon lange genug mit mir gerungen, erst mal für den Beisitz in NRW zu kandidieren. Und dann kamen plötzlich viele Anfragen, wie es denn mit mir aussieht. Ich solle doch bitte für den Landtag kandidieren, ich sei so fähig und hätte Talent und es wäre eine super Idee, weil man mir vertrauen kann. Das zog dann nach sich, dass ich erst mal damit beschäftigt war, mein Gewissen zu erforschen. Kann ich das mit dem Landtag? Klar kann ich das. Ich hab schon immer alles gekonnt, ich bin Autodidakt. Ich habe das Talent mir mit genug Hirnschmalz alles anzueignen, ich gehe aber auch davon aus ­das es an einer gewissen Grundeinstellung dem Leben gegenüberliegt. Wie oben gesagt, das Leben macht eh, was es will. Dann ist es besser aus jeder Not eine Tugend machen zu können und so habe ich schon viele unterschiedliche Aufgaben mit Bravour gemeistert, die ich mir vorher nicht zugetraut habe.

Warum also nicht kandidieren? Es gibt gewisse Ansprüche, die ich an die Kandidaten stelle. Und da sind einige bei, die ich vorübergehend! nicht erfüllen kann. Ich kann z.B. gar nicht auswendig aus dem NRW-Programm plaudern. Das ist allenfalls Halbwissen aber das wäre ja auch nicht das Problem. Wenn ich das wirklich will, dann lerne ich das Programm auswendig, damit ich jeder Frage in dieser Richtung selbstsicher bestehen kann. Mehr noch, ich würde es nicht nur auswendig wissen, sondern sogar verstehen und Parallelen ziehen können zu anderen Themen. Da wäre mir auch sofort klar, welche Themen mir im Landtag die liebsten wären und vielleicht würde ich ja sogar eins nehmen, das bisher kaum beachtet wurde. Damit würde ich vielleicht meine Chancen erhöhen.
Was ich aber im Moment und auch bis zum 13. Mai nicht kann, ist wieder ein Arbeitstier werden. Ich kann arbeiten wie ein Schwein, ich hau mir auch Nächte um die Ohren. Und ich glaube, die ersten Monate im Landtag werden ein riesiges Arbeitspensum mit sich bringen. Da möchte ich Leute sehen, die davor keine Angst haben und dass auch mitmachen können. Das kann ich aber im Moment unter keinen Umständen. Es geht mir aufgrund der letzten zwei Jahre, in denen ich unglaublich viel und hart gearbeitet habe, nicht besonders gut. Kontinuierliche Stresssituationen kann ich im Moment nicht mit genug Ruhe begegnen. Und auch wenn mir angeboten wurde, ich würde doch auch viel Entlastung bekommen, zuerst muss ich mich selbst sortieren.

Es ist also auch eine Kunst, nicht zu kandidieren. Und ich wünsche mir von ganzem Herzen, das sich jeder Kandidat wenigstens zwei Stunden Zeit nimmt und über sich selbst nachdenkt. Setz Dich bitte hin und werde Dir darüber klar, was erwartest Du von den Leuten im Landtag. Was müssen sie haben, was müssen sie mitbringen? Sei bitte auch kritisch: Sind da Sachen bei, die Du gar nicht leisten kannst? Oder hast Du vielleicht sogar das Gefühl, das Du Dich nicht genug selbst einschätzen kannst? Dann sprich mit jemandem, der Dir nahe steht aber der Dir keinen Honig ums Maul schmieren wird. Bist Du Dir darüber bewusst, wie Deine Arbeit dort aussehen wird? Dann setz Dich im Zweifel mit jemandem zusammen, der Dir das erklärt. Bedenke bitte auch: Wenn Du Dir nicht sicher bist, werden sich 500 Piraten und die Presse mit Dir beschäftigen (müssen), obwohl wir eh kaum genug Zeit für diese wichtige Aufgabe haben.

Was ich von den Fraktionsmitgliedern (also vielleicht von Dir) erwarte: Zunächst einmal gesittetes Verhalten. Bleibt in der Fraktion fair, ihr müsst die Ruhe bewahren. Jeder wird auf Euch schauen. Sucht Euch jemanden, mit dem Ihr über Eure Probleme reden könnt. Einen Freund oder eine Freundin, den Partner oder die Partnerin, vielleicht auch einen Vertrauten, der mit Euch in der Fraktion sitzt. Ein Realitätscheck wird sehr wichtig sein. Ihr müsst Euch auf Shitstorms einstellen und auch mal Leute bei Twitter blocken, die ihr eigentlich sehr nett findet. Einfach nur, damit ihr die nächste Runde übersteht. Und manche von Euch müssen wahrscheinlich Ihr Ego einpacken. Hört auf zu reden, weil ihr Euch selbst gern reden hört. Verkneift Euch Vorträge, die eigentlich nicht mit dem Thema zutun haben. Schluckt witzige kleine Sticheleien runter, die Euern Kollegen vielleicht treffen könnten. Ich wünsche mir eine professionelle Arbeit ohne persönliche Fehden. Ich will Teamwork sehen und wir haben genug Kandidaten, das wir nicht die “Maulaffen” zusammen in den Käfig Landtag setzen müssen.
Vor allem das sehe ich beim Listenkandidat Nummer eins. Bitte lasst uns jemanden suchen, der die Piraten eint und nicht polarisiert. Davon gibt es genug zur Auswahl, die intelligent, kompetent und bestimmt auch medienerfahren sind. Polarisieren darf er nach außen aber nach innen müssen wir uns sicher sein, dass wir alle an einem Strang ziehen. Seid ruhig kritisch bei der Wahl. Hört auf Euer Bauchgefühl. Ist der Kandidat wirklich was für mich oder kommt mir da irgendwas komisch vor? Das ist absolut wichtig, denn hier fängt unsere Basisdemokratie bereits an. Bei einem Gefühl. Das Gefühl, das etwas nicht stimmt und wegen dem wir alle angefangen haben für eine Sache zu kämpfen.

Wir werden schon alles richtig machen, ich zähle auf jeden Einzelnen von uns. Denn was uns eint, sind unsere Visionen und Ideale. Lasst uns rocken, wir schaffen das!

Viele liebe Grüße und bis Samstag,
Eure Chrissie