Verantwortung

Tja, die Sache mit der Politik. Je mehr ich weiß, desto schlimmer wird es. Ich wollte als Teenie keine Politik machen, weil ich das überhaupt nicht verstanden habe. Politiker, das sind alte schreiende Männer und Frauen, die im Fernsehen auf eine Couch sitzen und sich gegenseitig um die Ohren hauen, wie fürchterlich sie die Position der anderen Partei finden. Ich habe das überhaupt nicht verstanden, was wollen die eigentlich? Und sie sitzen dort und schreien sich an, das Thema wird umschifft. Betrifft mich das irgendwie? Nein, denn sie reden miteinander an mir vorbei. Und mal im ernst, ich komm aus dem kleinen Dörfchen Hoisten. Da stehen zur Wahlkampfzeit ein, zwei, drei Tischchen an der Bushaltestelle mit Schirmchen und darauf stehen unterschiedliche Namen der Parteien. Von allen bekam ich zu Ostern ein Ei in die Hand gedrückt. Aber weil ich doch erst 16 war aber noch viel jünger aussah, hat keiner von denen mit mir weiter gesprochen. Danke liebe Altparteien, Chance vertan. In den Jahren darauf hab ich dann einiges mehr verstanden, denn mit Anfang 20 hab ich Nachts mit Farbrollen am Besenstiel NPD-Plakate übermalt.

Politiker sind 2013 noch immer streitende Menschen und ich habe erkannt, es geht vor allem um Geld. Sie drücken noch immer Bürgern Eier in die Hand und schauen an denen vorbei, die nicht in ihr “Beuteschema” passen. Wahlweise servieren sie jetzt auch Currywurst, vielleicht lockt das die “richtigen” an. Aber dieses “Je mehr ich weiß, desto schlimmer wird es.” hört einfach nicht auf. Es ist als hätte sich eine Tür geöffnet und ich kann nie mehr wieder zurück in diese Naivität. Wenn ich mir die Bestandsdatenauskunft anschaue, die vor Kurzem verabschiedet wurde, weiß ich auch nur das es die Spitze des Eisbergs ist. Aber wenigstens eine, die man dem Bürger erklären kann. Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, das durch einige Regierungsparteien verschleiert wird, was um uns herum passiert. Außer es dient dazu den politischen Gegner auszustechen, dann wird plötzlich Klartext gesprochen. Warum sonst wird während großer Fußballspiele ein Rettungsschirm nach dem anderen verabschiedet, der so hoch ist, dass jeder Deutsche, der nicht grad schon betrunken vom Bier oder vom Sieg seiner Mannschaft ist, einen halben Herzinfarkt bekommt?

Was ich tun konnte, um das ein Stück weit zu ändern, hab ich seit Mai 2010 getan. Ich hab mit vielen Piraten und Menschen gesprochen, ich hab mich ermutigen lassen meine Meinung zu sagen. Wegen dem ganzen Zuspruch habe ich viel Zeit und Herzblut investiert und viele harte Kämpfe ausgefochten. Ich hab mich nach einer langen Autofahrt von Andreas Graaf davon überzeugen lassen über ein Vorstandsamt nachzudenken. Während einer weiteren Autofahrt mit Piraten habe ich den Entschluss gefasst das auch zu tun. Ich weiß, ohne den ganzen Zuspruch der letzten Jahre hätte ich das auch nicht gemacht. Denn das ist es doch was eine Partei mit Ehrenamtlern am Laufen hält, der Zuspruch und die Motivation. Die Freiheit sich die Teile aussuchen zu können, die Spaß machen. Dann müssen am Ende doch noch gute Seelen gefunden werden, die aus Verantwortungsgefühl die Bereiche übernehmen die überhaupt keinen Spaß machen aber gemacht werden müssen. Ich habe seit 2010 viel gelernt, vor allem in den letzten zehn Monaten, in denen ich ein Vorstandsamt bekleidet habe. Und ich hab sehr viele Seiten an mir kennengelernt, von denen ich nicht wusste, das sie in mir stecken.

Aber es war bei Weitem nicht alles schön. Ich hatte einen riesigen Streit mit der Werbeagentur, bei der ich damals gearbeitet habe. Unter anderem lag es daran, das ich mich so rasant verändert habe. Denn die Piraten haben etwas in mir geweckt, was eh schon tief in mir geschlummert hat. Dieser Streit hat mich sehr zermürbt und doch hab ich nun schon ein Portfolio an Kunden, die manche Grafiker ihr ganzes Leben nicht betreuen werden. Heute würde ich diesen Job nicht mehr machen und für manche dieser Kunden nicht mehr arbeiten. Erst durch meine Freunde aus dem Hackerspace fNordeingang habe ich gemerkt, dass ich dort kaputt gegangen bin. Warum hab ich das gemacht? Weil ich mich der Zuspruch und die Verantwortung angespornt haben. Riesige Projekte stemmen, zum Teil alleine! Dieses Gefühl hat mich sogar vergessen lassen, was das für Unternehmen sind, für die ich da arbeite. Es ist wie ein Droge, ich kann es nicht beschreiben. Irgendwann ging es nur noch an meine Substanz. Ich musste natürlich auch Geld verdienen, um mein Studium zu finanzieren und um Piratenarbeit zu machen.

Aber habe ich mein Studium gemacht? Mehr schlecht als Recht. Ich bin durch meine Zulassung zum Diplom gerasselt, das war sehr schlimm für mich. Und trotzdem habe ich kurz danach das Vorstandsamt angenommen. Ich mache seit dem einen Job der weniger Zeit braucht und bei dem ich viel weniger verdiene. Dafür arbeite ich doppelt so hart. Ich hab so die Zulassung zum Diplom geschafft und nicht mal genug in mir selbst geruht, um mich wirklich darüber zu freuen. Denn was vor mir lag, war Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit. Erst Monate später hab ich realisiert, was ich gepackt habe. Und zwar dann, als ich schon in den Diplomvorbereitungen steckte. Ich arbeite auch im Vorstandsamt unheimlich viel, teilweise arbeitete ich für zwei. Und das nur wegen meinem verdammten Verantwortungsgefühl und weil mir dieser Job Spaß macht. Ja, ich steh auf Arbeit und ich hab keine Angst vor Verantwortung. Jeder Stein, der mir im Weg lag, hat mir dabei geholfen wichtige Erfahrungen zu machen, dass ich heute stolz auf mich sein kann so zu sein, wie ich bin.

Aber wer mitgezählt hat wird sehen, dass ich drei Jobs habe und einen der wenig Zeit in Anspruch nimmt, bei dem ich wenig Geld verdiene und der es mir erlaubt Diplom und Vorstandsarbeit zu machen. Dabei ist das ein anspruchsvoller Job, der mir viel Spaß macht. Ich gebe Kindern in einer offenen Ganztagsschule Hausaufgabenhilfe und mache die Nachmittagsbetreuung. Und ich nehme meine Arbeit sehr ernst, es macht mir Spaß dort zu sein aber es erschöpft mich auch. Das ist nichts, was ich auf einer Arschbacke abreiße, weil ich es ernst nehme, das ich dort an der Zukunft von jungen Menschen arbeite. Nächsten Monat wird übrigens noch ein vierter Job hinzukommen, ich werde wieder einen Gimp-Kurs geben. Das ist jede Woche ein Abend, an dem ich nach der Arbeit zur VHS fahre, um Menschen ein freies Grafikprogramm beizubringen und das ist sehr anstrengend weil alle mit völlig unterschiedlichen Vorraussetzungen zum Kurs erscheinen. Ich brauche Geld wie jede/r Andere auch. Ich hab Kosten, ich muss mein Studium bezahlen. Ich hab nicht genug Geld, um meine Freizeit damit zu gestalten. Was übrigens nur daran liegt, dass ich keine Freizeit habe. Ich versuche einen Tag in der Woche freizuhaben, was ich nicht mal regelmäßig schaffe und das zehrt an meinen Nerven.

Ich mache die Arbeit als Vorstand unheimlich gern. Wenn ihr mich fragt “Willst du weiter Landesvorstand bleiben und mit uns den Wahlkampf durchziehen?” sage ich “Nichts lieber als das!” Aber ich packs einfach nicht. Ich kann diese Arbeitsbelastung nicht durchhalten. Ich will keinen Beisitzerposten, ich möchte stv. Vorsitz oder Vorsitz machen. Warum? Weil es dem worauf ich Lust habe am ehesten entspricht. Und jeder, der für lau arbeitet sollte das machen, was ihm Spaß macht. Ich hab einen hohen Anspruch daran, was man als das Dreiergespann der Vorsitzenden machen sollte und ich weiß, unter diesen Vorraussetzungen schaffe ich das nicht. Ich will nicht meine Kollegen im Stich lassen müssen. Es ist auch kein Kompromiss mehr für mich zu sagen “Ich mach mein Diplom, ist ja eh im Juli oder August zu Ende und dann hau ich richtig rein!” Das ist Selbstbetrug. Danach muss es doch weiter gehen, ich muss mir eine Arbeit suchen. Und ich kann auch nicht mehr hören “Mach doch ein Urlaubssemester.”, das ist eine Zumutung, so geht das einfach nicht mehr. Wir können nicht mehr darauf hoffen das Leute ihre Zukunft ruhen lassen oder ihren Job verlieren, weil sie sich für ein Vorstandsamt entschieden haben. Ich sags euch ganz ehrlich: Wärs ein normaler Job für den ich Geld bekomme, ich würde es mit Liebe wieder tun. Selbst wenn es wenig Geld aber eine Lebensgrundlage wäre. Aber das ist nicht der Fall. Ich pack das so nicht und es tut mir in der Seele weh, weil es mir einfach so viel Spaß macht.

Es tut mir leid, wenn ich euch jetzt enttäusche. Ich weiß, ich habe schon in einer Vorstandssitzung gesagt, dass ich weitermachen werde. Aber ich hoffe ihr könnt nachvollziehen, warum das nicht geht. Ich gebe den Hut ab, ich danke euch für die Zeit. Ich muss jetzt wieder mehr Verantwortung für mich übernehmen. Vielleicht mache ich das nächstes Jahr noch mal, bis dahin fließt noch etwas Wasser den Rhein hinunter :)

Liebe Grüße

Eure Chrissie

Die Kunst des (nicht) kandidierens.

Ich habe mir in den letzten Tagen viele Gedanken zu den Neuwahlen gemacht, aber wer hat das nicht getan. Ich habe gerade wieder mein Leben geplant, neue Ideen gehabt, was ich als Nächstes machen kann und schon kommt dieser Hammer.
Es gab direkt eine Option mehr in meinem Lebensplan, die ich mir eigentlich erst mal abgeschminkt hatte. Hätte ja auch nochwas gedauert. Aber jetzt Landtag? No way! Ich hab doch schon lange genug mit mir gerungen, erst mal für den Beisitz in NRW zu kandidieren. Und dann kamen plötzlich viele Anfragen, wie es denn mit mir aussieht. Ich solle doch bitte für den Landtag kandidieren, ich sei so fähig und hätte Talent und es wäre eine super Idee, weil man mir vertrauen kann. Das zog dann nach sich, dass ich erst mal damit beschäftigt war, mein Gewissen zu erforschen. Kann ich das mit dem Landtag? Klar kann ich das. Ich hab schon immer alles gekonnt, ich bin Autodidakt. Ich habe das Talent mir mit genug Hirnschmalz alles anzueignen, ich gehe aber auch davon aus ­das es an einer gewissen Grundeinstellung dem Leben gegenüberliegt. Wie oben gesagt, das Leben macht eh, was es will. Dann ist es besser aus jeder Not eine Tugend machen zu können und so habe ich schon viele unterschiedliche Aufgaben mit Bravour gemeistert, die ich mir vorher nicht zugetraut habe.

Warum also nicht kandidieren? Es gibt gewisse Ansprüche, die ich an die Kandidaten stelle. Und da sind einige bei, die ich vorübergehend! nicht erfüllen kann. Ich kann z.B. gar nicht auswendig aus dem NRW-Programm plaudern. Das ist allenfalls Halbwissen aber das wäre ja auch nicht das Problem. Wenn ich das wirklich will, dann lerne ich das Programm auswendig, damit ich jeder Frage in dieser Richtung selbstsicher bestehen kann. Mehr noch, ich würde es nicht nur auswendig wissen, sondern sogar verstehen und Parallelen ziehen können zu anderen Themen. Da wäre mir auch sofort klar, welche Themen mir im Landtag die liebsten wären und vielleicht würde ich ja sogar eins nehmen, das bisher kaum beachtet wurde. Damit würde ich vielleicht meine Chancen erhöhen.
Was ich aber im Moment und auch bis zum 13. Mai nicht kann, ist wieder ein Arbeitstier werden. Ich kann arbeiten wie ein Schwein, ich hau mir auch Nächte um die Ohren. Und ich glaube, die ersten Monate im Landtag werden ein riesiges Arbeitspensum mit sich bringen. Da möchte ich Leute sehen, die davor keine Angst haben und dass auch mitmachen können. Das kann ich aber im Moment unter keinen Umständen. Es geht mir aufgrund der letzten zwei Jahre, in denen ich unglaublich viel und hart gearbeitet habe, nicht besonders gut. Kontinuierliche Stresssituationen kann ich im Moment nicht mit genug Ruhe begegnen. Und auch wenn mir angeboten wurde, ich würde doch auch viel Entlastung bekommen, zuerst muss ich mich selbst sortieren.

Es ist also auch eine Kunst, nicht zu kandidieren. Und ich wünsche mir von ganzem Herzen, das sich jeder Kandidat wenigstens zwei Stunden Zeit nimmt und über sich selbst nachdenkt. Setz Dich bitte hin und werde Dir darüber klar, was erwartest Du von den Leuten im Landtag. Was müssen sie haben, was müssen sie mitbringen? Sei bitte auch kritisch: Sind da Sachen bei, die Du gar nicht leisten kannst? Oder hast Du vielleicht sogar das Gefühl, das Du Dich nicht genug selbst einschätzen kannst? Dann sprich mit jemandem, der Dir nahe steht aber der Dir keinen Honig ums Maul schmieren wird. Bist Du Dir darüber bewusst, wie Deine Arbeit dort aussehen wird? Dann setz Dich im Zweifel mit jemandem zusammen, der Dir das erklärt. Bedenke bitte auch: Wenn Du Dir nicht sicher bist, werden sich 500 Piraten und die Presse mit Dir beschäftigen (müssen), obwohl wir eh kaum genug Zeit für diese wichtige Aufgabe haben.

Was ich von den Fraktionsmitgliedern (also vielleicht von Dir) erwarte: Zunächst einmal gesittetes Verhalten. Bleibt in der Fraktion fair, ihr müsst die Ruhe bewahren. Jeder wird auf Euch schauen. Sucht Euch jemanden, mit dem Ihr über Eure Probleme reden könnt. Einen Freund oder eine Freundin, den Partner oder die Partnerin, vielleicht auch einen Vertrauten, der mit Euch in der Fraktion sitzt. Ein Realitätscheck wird sehr wichtig sein. Ihr müsst Euch auf Shitstorms einstellen und auch mal Leute bei Twitter blocken, die ihr eigentlich sehr nett findet. Einfach nur, damit ihr die nächste Runde übersteht. Und manche von Euch müssen wahrscheinlich Ihr Ego einpacken. Hört auf zu reden, weil ihr Euch selbst gern reden hört. Verkneift Euch Vorträge, die eigentlich nicht mit dem Thema zutun haben. Schluckt witzige kleine Sticheleien runter, die Euern Kollegen vielleicht treffen könnten. Ich wünsche mir eine professionelle Arbeit ohne persönliche Fehden. Ich will Teamwork sehen und wir haben genug Kandidaten, das wir nicht die “Maulaffen” zusammen in den Käfig Landtag setzen müssen.
Vor allem das sehe ich beim Listenkandidat Nummer eins. Bitte lasst uns jemanden suchen, der die Piraten eint und nicht polarisiert. Davon gibt es genug zur Auswahl, die intelligent, kompetent und bestimmt auch medienerfahren sind. Polarisieren darf er nach außen aber nach innen müssen wir uns sicher sein, dass wir alle an einem Strang ziehen. Seid ruhig kritisch bei der Wahl. Hört auf Euer Bauchgefühl. Ist der Kandidat wirklich was für mich oder kommt mir da irgendwas komisch vor? Das ist absolut wichtig, denn hier fängt unsere Basisdemokratie bereits an. Bei einem Gefühl. Das Gefühl, das etwas nicht stimmt und wegen dem wir alle angefangen haben für eine Sache zu kämpfen.

Wir werden schon alles richtig machen, ich zähle auf jeden Einzelnen von uns. Denn was uns eint, sind unsere Visionen und Ideale. Lasst uns rocken, wir schaffen das!

Viele liebe Grüße und bis Samstag,
Eure Chrissie